Eike Schlüter (Rosenheimer Nachrichten) zum Buch „Döser und Kathrein. Profiteure der Nazis?“

Sehr geehrter Herr Prof. Weber,
sehr geehrte Mitglieder der Geschichtswerkstatt Kolbermoor,
sehr geehrte Damen und Herren des DGB Bildungswerks und der GEW Oberbayern,

leider habe ich erst gestern Ihr Buch „Döser und Kathrein. Profiteure der Nazis?“ in die Hände bekommen. Was ich darin las, hat mich ehrlich gesagt tief erschüttert und kann von mir nicht unkommentiert stehen gelassen bleiben, zumal der Autor gleich mehrere Rechtsverstöße begeht.

Ich kann ja verstehen, dass Sie enttäuscht sind, dass die Thematik in der Rosenheimer Medienlandschaft wenig Beachtung findet. Aber die Art und Weise, wie Sie gleich auf zahlreichen Seiten auf mir und den ROSENHEIMER NACHRICHTEN (die ja wohl zweifelsfrei nicht zu „Profiteuren der Nazizeit“ zählen) „rumhacken“, halte ich für ungeheuerlich, unverschämt und illegal zugleich. Zumal es in der Region wahrscheinlich keine Zeitung gibt, die sich in den vergangenen sieben Jahren so häufig objektiv mit Themen der Linken und der Geschichtswerkstatt Kolbermoor befasst hat wie wir.

Herr Prof. Weber, Sie haben mir nach Ihrem Vortrag eine recht forsche E-Mail geschickt und gefragt, warum wir nicht über diesen berichtet haben. Ich hätte genauso reagieren können wie alle anderen Rosenheimer Medien anscheinend auf Ihre Anfragen reagieren: Ich hätte Sie also ignorieren können, denn schließlich bin ich Ihnen ja keine Rechenschaft schuldig. Stattdessen habe ich Ihnen offen und ehrlich geantwortet und versucht, Ihr Verständnis für unsere schwierige Situation zu gewinnen. Nun lese ich meine Antwort gemeinsam mit willkürlich zusammengestellten Auszügen aus Mails, die Sie von einer Teilzeit-Beilagenredakteurin unserer Zeitung erhalten haben, in Ihrem Buch. Herr Prof. Weber, damit verstoßen Sie gleich mehrfach massiv gegen das Briefgeheimnis! Und was ich persönlich ehrlich gesagt noch schlimmer finde: Sie missbrauchen zutiefst unser Vertrauen!

Sie erwecken in Ihrem Buch den Eindruck, die ROSENHEIMER NACHRICHTEN würden den Mailverkehr der Mitarbeiter kontrollieren. Fakt ist: die von Ihnen auf den Seiten 66 und 67 zitierte Mail unserer Beilagenredakteurin, in der sie Ihnen die Gründe für die Terminabsage erläutert, hat mir unsere Beilagenredakteurin von ihrem E-Mail-Postfach zuhause zur Info weitergeleitet (siehe Anhang)! In unserem Verlag wurde noch nie der E-Mail-Verkehr von Mitarbeitern überwacht und das wird ganz sicher auch in Zukunft so bleiben!

Sie behaupten in Ihrem Buch indirekt, die ROSENHEIMER NACHRICHTEN hätten deshalb nicht über die Thematik berichtet, weil ein Bruder von mir in einer Führungsposition bei der Firma Kathrein arbeiten würde. Fakt ist: Mein Bruder ist bereits seit dem 1. August 2008 (also lange vor Ihrem Vortrag und der Drucklegung Ihres Buches) nicht mehr für die Firma Kathrein tätig und hat mit dieser auch überhaupt nichts mehr zu tun.

Herr Prof. Weber, Sie sind immer ganz vorne dabei, wenn es darum geht, sich über die Arbeit der Rosenheimer Medien zu beschweren. Mit Ihrem Buch haben Sie sich nun selber ins Glashaus manövriert. Sie haben gegen nahezu alle journalistischen Sorgfaltspflichten verstoßen. Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie für ein von Ihnen geplantes Buch eine Stellungnahme benötigen, weshalb unsere Zeitung nicht über Ihren Vortrag berichtet hat? Warum haben Sie weder unsere Beilagenredakteurin noch mich gefragt, ob Sie in Ihrem Buch aus vertraulichen E-Mails zitieren dürfen? (Als Journalist und Buchautor dürfen Sie aus solchen Mails nur dann zitieren, wenn Ihnen entweder das Einverständnis des Verfassers vorliegt oder ein herausragendes öffentliches Interesse am Inhalt besteht! Beides trifft hier ganz sicher nicht zu!) Warum haben Sie nicht nachrecherchiert, wie ich an die bereits erwähnte E-Mail unserer Beilagenredakteurin an Sie gekommen bin? Warum haben Sie nicht recherchiert, ob mein Bruder wirklich (noch) in einer Führungsposition für die Firma Kathrein arbeitet?

Ich hoffe stark, dass Sie bei Ihren Recherchen über die Firmengeschichte von OVB und Kathrein mehr Sorgfalt bewiesen haben – muss dies mittlerweile aber bezweifeln. Schon bei Ihrem Vortrag im Schützenhaus Ocakbasi haben Sie auf kritische Einwände aus den Reihen der Zuhörer mit größtmöglicher Arroganz und Intoleranz reagiert. Nachdem ich Ihre Arbeitsweise nun noch näher kennen gelernt habe, drängt sich mir der starke Verdacht auf, dass Sie in Ihrem Buch nur solche Indizien berücksichtigen, die in Ihr vorgefertigtes Weltbild passen.

Ich habe mich bereits mit unserem Anwalt besprochen und wir sind beide überzeugt, dass wir mit einer entsprechenden Unterlassungsklage Ihr Buch sofort vom Markt nehmen lassen könnten. Ich werde solche Schritte jedoch aus zwei Gründen nicht einleiten: Zum einen ist mir dafür die Zeit zu schade und die Tatsache, dass mich bis heute absolut niemand auf die heftigen Unterstellungen in Ihrem Buch angesprochen hat, zeigt wohl, dass das Werk ohnehin keine sonderliche Beachtung findet. Zum anderen – ob Sie es glauben oder nicht – begrüße ich idealistisch gesehen Ihre Aufklärungsarbeit in Sachen Döser und Kathrein, auch wenn ich mich mit Ihrer einseitigen Herangehensweise nicht identifizieren und Ihnen bei der „Öffentlichkeitsarbeit“ nicht helfen kann.

Ich habe mir seit der Gründung der ROSENHEIMER NACHRICHTEN im Jahr 2002 viel anhören müssen und mir ist Gegenwind wahrlich nicht fremd. Herr Weber und Herr Salomon sind aber glücklicherweise die ersten, die mir Feigheit vorwerfen. Ich kann mit diesem Vorwurf umgehen, da ich im Gegensatz zu den beiden Herren der Überzeugung bin, dass Intelligenz manchmal der bessere Ratgeber ist als blinde ideologische Verborrtheit. Ich hätte es auch hingenommen, wenn Sie uns in dem Buch einfach nur vorgeworfen hätten, dass wir nicht über den Vortrag berichtet haben. Aber die Art und Weise, wie umfangreich und unsachlich Sie hier die ROSENHEIMER NACHRICHTEN attackieren und uns uns damit fast schon in die Reihe der „Nazi-Profiteure“ miteinordnen, kann ich keinesfalls akzeptieren.

Mit freundlichen Grüßen

Eike Schlüter
Geschäftsführer, Chefredakteur
Zeitungsgruppe ROSENHEIMER NACHRICHTEN


3 Antworten auf “Eike Schlüter (Rosenheimer Nachrichten) zum Buch „Döser und Kathrein. Profiteure der Nazis?“”


  1. 1 Arroganzvorwurf unagebracht 28. September 2009 um 10:16 Uhr

    Folgende Passage in den Ausführungen Herrn Schlüters muss meines Erachtens relativiert werden:

    Schon bei Ihrem Vortrag im Schützenhaus Ocakbasi haben Sie auf kritische Einwände aus den Reihen der Zuhörer mit größtmöglicher Arroganz und Intoleranz reagiert

    Tatsächlich kann der Vorwurf, Weber habe arrogant und intolerant auf Fragen aus dem Publikum reagiert nur für zwei Situationen erhoben werden:
    1. Fragen in der Pause
    2. Fragen eines rechten Provokateurs

    Zu 1:
    Der Vortrag wurde zum Wechseln der Videobänder für etwa 10 Minuten unterbrochen. In dieser Pause wollte eine Person in einer für mein Empfinden penetranten Art und Weise Herrn Weber befragen. Dieser verwies die Person anfangs freundlich und durchgängig bestimmt darauf hin, dass er Fragen erst am Ende des Vortrags zulassen und beantworten möchte.
    Wer referiert, entscheidet über die Didaktik und auch darüber, wann Fragen zugelassen werden. An Webers Vorgehen ist hier also nichts zu beanstanden.

    Zu 2:
    Tatsächlich arrogant hat Weber auf die Fragen eines rechten Provokateurs geantwortet. Dessen Ausführungen zielten darauf ab, in der Frage der Zwangsarbeit einen Schlussstrich zu ziehen. Unaufgerufen stellte die Person ständig Nachfragen, die in der Unterstellung, für die Forschungsarbeit Webers habe es externe Geldgeber gegeben, gipfelte. Eine zweifelsfrei Anspielung auf antisemitische Ressentiments im antiintellektuellen Kontext (dazu Schmitz-Berning, S. 315) einerseits in der Vorstellung vom jüdischen Strippenzieher und Geldgeber im Hintergrund andererseits.
    Alle anderen Fragen wurden von Weber äußerst sachlich und wenig emotionsgeladen beantwortet. Es kann die Frage gestellt werden, ob es sinnvoll ist, arrogant auf rechte Fragen zu reagieren. Aber es ist nicht zulässig Weber Arroganz vorzuwerfen ohne auf diesen Hintergrund hinzuweisen. Auch die Stilisierung einer Schlussstrichdebatte als „kritisch“ ist unangemessen.

  1. 1 Stellungnahme Klaus Webers zu Eike Schlüter « Kathrein & Döser – Profiteure der Nazis? Pingback am 12. September 2009 um 12:59 Uhr
  2. 2 Stellungnahme Andreas Salomons zu Eike Schlüter sowie dessen Antwort « Kathrein & Döser – Profiteure der Nazis? Pingback am 12. September 2009 um 13:05 Uhr
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